13. September 2001: Als Madonna ihre Drowned World Tour nach 9/11 fortsetzte
Nur zwei Tage nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stand Madonna in Los Angeles wieder auf der Bühne. Doch an diesem Abend war die „Drowned World Tour“ eine andere Show. Statt einfach zum Programm zurückzukehren, nutzte Madonna das Konzert für eine eindringliche Botschaft gegen Hass, Gewalt und Intoleranz.
Die Bilder des 11. September 2001 hatten sich gerade erst ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Terroranschläge auf New York und Washington erschütterten die Vereinigten Staaten und die ganze Welt. Tausende Menschen hatten ihr Leben verloren, unzählige Familien trauerten – und das öffentliche Leben stand vielerorts still.

Auch Madonnas laufende Drowned World Tour war unmittelbar davon betroffen. Ursprünglich war für den 11. September war das zweite Konzert im Staples Center in Los Angeles vorgesehen. Nach den Anschlägen wurde die Show auf den 15. September verschoben.
Am 13. September 2001 kehrte Madonna dann auf die Bühne zurück. Es sollte kein gewöhnlicher Tourabend werden.
Eine veränderte Show
Die Drowned World Tour gehörte zu Madonnas bis dahin aufwendigste und theatralischste Produktionen. Gewalt, Tod, Religion und gesellschaftliche Konflikte waren teilweise bewusst provokant in die Inszenierung eingebaut. Nur 48 Stunden nach den Anschlägen wirkten einige dieser Szenen jedoch plötzlich in einem vollkommen anderen Kontext.
Deshalb wurden Teile der Show verändert und gewalttätige Elemente abgeschwächt. Im sogenannten Geisha-Segment verzichtete Madonna beispielsweise auf eine Szene, in der sie einen Tänzer im Rahmen der ursprünglichen Inszenierung erschoss. Auch ihr Kostüm setzte an diesem Abend ein sichtbares Zeichen: Der Kilt, den Madonna während des Eröffnungsteils trug, war mit einem Motiv der amerikanischen Flagge versehen.
Noch wichtiger war jedoch eine Änderung, die mit Musik zunächst wenig zu tun hatte.
Madonna spricht zum Publikum
Der normalerweise aufgeführte Funny Song entfiel. Stattdessen wandte sich Madonna direkt an die Menschen im Staples Center.
Die Einnahmen des Konzerts sollten Kindern zugutekommen, die infolge der Terroranschläge ihre Eltern verloren hatten. Madonna dankte dem Publikum dafür, dass die Besucher mit dem Kauf ihrer Eintrittskarten diese Unterstützung ermöglicht hatten. Doch sie beließ es nicht bei einer Geste des Mitgefühls.
Ihre Ansprache wurde zu einem Appell, nach den Anschlägen nicht nur über die Täter und das Geschehene nachzudenken, sondern auch über die Gesellschaft und das eigene Verhalten.
Madonna sprach über Hass, Intoleranz, Rassismus und Homophobie. Ihre Botschaft: Gewalt entsteht nicht erst in dem Moment, in dem jemand eine Waffe benutzt. Hass beginnt viel früher – in der Art, wie Menschen übereinander denken, miteinander sprechen und andere behandeln. Damit verband sie die Ereignisse des 11. September mit einer Aufforderung zur persönlichen Verantwortung.
Eine Minute der Stille
Anschließend bat Madonna das Publikum um eine Schweigeminute. Sie gedachte der Menschen, die bei den Anschlägen ihr Leben verloren hatten, ihrer Familien und Freunde sowie der Rettungskräfte, die in New York und Washington unter schwierigsten Bedingungen arbeiteten.
Doch Madonna bezog auch diejenigen in ihre Gedanken ein, die glaubten, Gewalt und Töten im Namen Gottes rechtfertigen zu können. Ihre Haltung war unmissverständlich: Religion darf niemals eine Rechtfertigung für Gewalt sein.
Nach der Schweigeminute richtete sie noch einmal einen Gedanken an die Zuschauer: Wer die Welt verändern wolle, müsse zunächst bei sich selbst beginnen. Dann erklangen die ersten Töne von Secret.
Ein ungewöhnlicher Moment der Drowned World Tour
Rückblickend gehört der Abend des 13. September 2001 zu den besonderen Momenten in Madonnas Tourgeschichte. Nicht wegen eines spektakulären Kostüms, einer neuen Choreografie oder einer überraschenden Songauswahl. Vielmehr zeigte das Konzert, wie schnell eine aufwendig geplante Popshow durch reale Ereignisse eine vollkommen andere Bedeutung bekommen kann.
Madonna entschied sich gegen ein kommentarloses „The show must go on“. Sie veränderte ihre Inszenierung, spendete die Einnahmen für Betroffene und nutzte ihre Bühne, um sich gegen Hass und Intoleranz auszusprechen.
Gerade ihre Erwähnung von Homophobie und Rassismus war dabei charakteristisch. Bereits lange vor 2001 hatte Madonna ihre Karriere immer wieder genutzt, um sich gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Minderheiten einzusetzen. An jenem Abend wurde aus der Drowned World Tour deshalb für einige Minuten etwas anderes als eine große Popshow.
Es wurde ein Ort des gemeinsamen Innehaltens.
Und vielleicht lässt sich Madonnas Botschaft dieses Abends am einfachsten so zusammenfassen: Veränderung beginnt nicht irgendwo da draußen. Sie beginnt bei uns selbst.
